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Home > >>Zu den Fotoalben<< > "Uemmingen" Damals und Heute
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Evangelische Kirchengemeinde Uemmingen. Apostelkirche im Gemeindehort Querenburg 1957
Wie soll man in Kürze davon berichten, was an Frohem und Ernstem
in den 30 Jahren liegt, während derer ich nun schon euer Seelsorger
sein darf? Ich will es versuchen, indem ich aus meinen Erinnerungen
einige Erlebnisse erzähle, die mir aus diesem oder jenem Grunde be-
sonders im Gedächtnis haften geblieben sind. Unvergeßlich ist mir
noch, wie ich bald nach meiner Wahl zum Pfarrer des 2. Bezirkes, der
damals die Ortsteile Uemmingen, Laerheide und Querenburg ein-
schloß, von dem derzeitigem Vorsitzenden des Presbyteriums zu
einem baldigen Besuch gebeten wurde. Mein Amtsbruder hatte sel-
ber lange Zeit diesem Bezirk vorgestanden, dem künftig mein ganzer Dienst gelten sollte. Als ich mit ihm nach seinem Besuch aus seinem
Pfarrhaus ins Freie trat, ließ ich etwas fragend meinen Blick in die
Weite schweifen, wo ringsum nichts als Wiesen und Felder und in
der Ferne hügelige Wälder sich lieblich vor meinen Augen ausbrei-
teten, nicht zu vergessen das liebe Vieh auf den Weiden. Da mein
Amtsbruder meinen fragenden Blick nicht zu verstehen schien, so
musste ich die Frage schließlich aussprechen, wo denn nun eigent-
lich mein Querenburg läge. Darauf deutete er mit einer majestäti-
schen Handbewegung weit in die Runde und sprach die Worte:“Das
alles ist dir untertänig…“
Bald jedoch merkte ich dann, dass hinter den weitausgedehnten Wie-
sen und Feldern tatsächlich die Ortschaft Querenburg lag – man
musste sie nur Haus für Haus hinter Feldern und Wäldern suchen.
Ein besonderes Erlebnis dafür aus den Tagen unmittelbar nach mei-
ner Amtseinführung möchte ich noch erzählen. Zunächst aber muß
ich noch von dem Tag meiner Einführung selber berichten, der mir
noch lebhaft in Erinnerung ist.
Nach dem Gottesdienst fand, altem Brauche entsprechend, in dem
neben der Kirche gelegenen Heckmann’schen Saal eine Nachfeier
statt, bei der ein großer Teil der Gemeinde zugegen war. Wie bei
solchen Anlässen üblich, wurden auch manche Reden gehalten, von
denen sich mir besonders gut die Begrüßungsansprache des Vor-
sitzenden des Presbyteriums eingeprägt hat. Er zeichnete mehrere
Bilder mit Worten, die mich, den Neuling, gleich recht einführen und
mit der Gemeinde vertraut machen sollte. Vor allem eines hat mir
noch später viel zu denken gegeben:…. In einem großen Teich be-
finden sich viele Fische von allen möglichen Sorten. So zum Beispiel
Goldfische, Stichlinge, Karpfen und so weiter –- und oft auch ein
Hecht. Dieser Hecht ist eine Gefahr für alle die anderen Fische. Das
ist oft auch so in einer Gemeinde. Da kann ein Hecht eine ganze Ge-
meinde durcheinander bringen.…“ Viel später erst erfuhr ich, dass
dieses Bild sich sehr konkret auf ganz bestimmte Vorgänge bezog,
die sich kurz vorher zugetragen hatten.
Und dann zog ich also los, um meine Gemeinde zu „erlaufen“. Ehe
ich noch recht damit begonnen hatte, schellte eines Tages ein kleines
Mädchen an meiner Haustür: „Einen schönen Gruß von Oma und
Opa, ob Sie wohl am kommenden Sonntag das Enkelkind Karl taufen
würden? “ –- Gemeint war natürlich eine Haustaufe auf dem
elterlichen Kotten. --- Auf meine Frage, wo das denn sein sollte, kam
die Antwort: „In der Donnerkuhle“ --- und mehr als „Donnerkuhle“
war nicht zu erfahren. Nun, mein amtsbruder hat mir dann den Weg
beschrieben, und ich habe ihn auch gefunden --- und der kleine Karl
von damals ist inzwischen längst mit seiner Frau von mir getraut
worden.
Nicht weit von jenem Haus liegt in der anderen Ecke der Donner-
kuhle noch ein Kotten, der damals noch lange Zeit einsam auf den
Ruhrwiesen nach der Stiepeler Grenze lag. Auf einer meiner ersten
Expeditionen in diesen südlichsten Teil meiner Gemeinde kam
ich eines Tages auch an dieses Haus, in dem damals ein altes Ehe-
paar wohnte. Ich ging darauf zu und klopfte an das große Tor. Nach
geraumer zeit schaute eine alte Frau über die untere Dielentür, und
als sie mich mit meiner Aktentasche unter dem Arm erblickte, sagte
sie beim Zuwerfen der Tür: „Heute brauchen wir nichts!“ --- Trotz-
dem sind wir bald gute Freunde geworden.
So lernte ich allmählich Land und Leute meiner Gemeinde kennen.
Wie im großen und ganzen auch heute noch, waren die Leute damals
Zumeist Bauern, Handwerker und vor allem Bergleute, welche letz-
teren auf den am Rande der Gemeinde liegenden „Pütz“ ihre schwere
Arbeit taten und nach Feierabend noch ihren kleinen Besitz mit Stall
und Garten zu versorgen hatten. Zum größten Teil gehörten sie alt-
eingesessenen Familien an, die seit Väter Zeiten auf ihren Kotten
saßen und mit ihrer Gemeinde und mit Grund und Boden eng ver-
wachsen waren. Dies hat sich in den letzten Jahren freilich geändert,
besonders, seitdem nach dem letzten Weltkriege die großen neuen
Siedlungen entstanden.
Wo heuet die großen Siedlungen sich erstrecken, wanderte man frü-
her oft sehr einsam durch Wald und Feld. Ich denke an so manchen
Weg, den ich vom Schulte-Uemming’schen Hof, an der Grenze zwi-
schen Uemmingen und Langendreer gelegen, vorbei an dem alten
Friedhof, auf dem noch im vorigen Jahrhundert die alte Uemminger
Kirche stand, gegangen bin. Bei Brinkmann dann die Kleinherbeder
Straße entlang zum Kalwes-Berg, an dessen Fuß man durch die
„Blumenau“ über den Bach kletterte, der damals noch lustig durch
das Tal dahin plätscherte ohne ein festes Bett. Hier bildet die Ruhr
die Grenze nach Stiepel. Die Bewohner des vorhin erwähnten Kot-
tens inmitten der Ruhrwiesen konnten es früher manchmal erleben,
dass im Frühjahr und im herbst eine Überschwemmung der Ruhr
sie völlig vom „Festland“ abschnitt. Dann konnte man nur im Kahn
zu ihnen kommen.
Ja, weite Wege waren es. Nicht nur durch die Gemeinde --- sondern
Auch zum herzen der gemeinde. Aber im Laufe der Jahre sind auf
diesem und auf jenem Wege doch manche enge Verbindungen ge-
knüpft worden. Und ich kann nicht anders sagen, als dass mich die
treue Anhänglichkeit so manch eines Menschen und mancher Familie
immer tief gerührt hat. Es war schon ein Bild, bei dem ein sonnen-
strahl im Herzen aufging, wenn man sie sonntags in langem Zug ge
mächlich über die weiten Felder zum Gottesdienst kommen sah, wo
bei anscheinend damals noch die weiten Wege von oftmals einer bis
eineinhalb Stunden und mehr noch keine Rolle spielten. So mussten
auch die Kinder wöchentlich den weiten Weg zum kirchlichen Unter-
richt unternehmen, der in einer alten Schule in der Nähe der Kirche
stattfand. Da knurrte niemand! Ihre Väter und Mütter hatten ja den-
selben Weg einst machen müssen.
Mit dem kirchlichen Unterricht verbindet sich allen alten Leuten noch
eine besondere Erinnerung, die stets ein Schmunzeln auf den Gesich-
tern hervorlockt. Da nämlich die Kinder von Laerheide und Uem-
mingen mit den Querenburgern denselben Unterrichtsraum benutzen
mussten, kam es jedes Mal nach Unterrichtsschluß --- aus mir bis heute
noch nicht ganz klar ersichtlichen Gründen --- regelmäßig zu einer
großen Keilerei. An der Schattbäcke und in Kuschmanns Wäldchen
standen sich die feindlichen Brüder gegenüber --- und es sollte oft-
mals, wie die Alten heute noch mit verständnisinnigem Schmunzeln
erzählen, sogar sehr blutig zugegangen sein. Das fand erst ein Ende,
als ich die Querenburger Kinder zum Unterricht in einer in Querenburg
gelegenen Schule sammelte. Ich weiß allerdings nicht, welches Gefühl
bei den Kindern überwog: die Freude über den kürzeren Weg oder das
Bedauern über die nicht mehr stattfindende Keilerei.
Für mich war jedenfalls der erstere Gesichtspunkt ausschlaggebend,
nämlich den Kindern die weiten Wege zu ersparen. Diese Wege waren
manchmal nicht ganz ungefährlich. Auch dafür ein Erlebnis. An einem
kalten Winterabend wollte ich von einem Gemeindebesuch über den
Kalwes nach Hause gehen. Oben auf dem Berge war die Sicht auch
noch gut. Sowie ich jedoch an die Gedenkeiche kam, da, wo sich
jetzt Westerholt-, Overberg- und Schattbachstraße treffen, wurde
der Nebel plötzlich so dicht, dass man in der Tat die Hand vor Augen
nicht sehen konnte. Zudem lag der Schnee so hoch, dass Wege und
Felder in gleicher Höhe zugedeckt waren. Ich glaubte, die Richtung auf
Pfarrhaus und Kirche auch im völligen Dunkel zu kennen. Aber plötzlich
stand ich nach langem Umherirren unmittelbar vor dem Ölbach, der
sonst durch die Wiesen dampfend mit den Abwässern der Zeche Mans-
feld zur Ruhr floß. Jetzt merkte ich, dass ich völlig verkehrt gelaufen war.
Ich machte kehrt und stand nach einiger Zeit --- wieder an derselben
Stelle am Ölbach! Ich war im Kreis gelaufen. Nur ganz langsam, Schritt
vor Schritt mich weitertastend, fand ich am Bach entlang einen über
den Schnee getretenen Weg, der mich schließlich nach Hause brachte.
Eines habe ich auch bald gemerkt: die Querenburger verstanden von
je her, Feste zu feiern. Es war immer eine Selbstverständlichkeit, dass
der Ortspfarrer zu Jubiläumsfesten des Kriegervereins und der Feuer-
wehr eingeladen und erwartet wurde. Dabei ging es manchmal recht
hoch her. Und doch fand sich auch stets Gelegenheit, dabei in man-
ches gute Gespräch zu kommen --- und gelegentlich auch mit Leuten,
mit denen man sonst kaum Fühlung bekam.
Mit dem gewaltigen politischen Umbruch des Jahres 1933, der unser
Volk bis in die Tiefe packte und auch erhebliche Erschütterungen
Im Leben der Kirchengemeinde zur Folge hatte, verbinden sich mir
Erinnerungen besonderer Art. Und wiederum muß ich sagen, dass es
Zum Teil sehr frohmachende, zum Teil aber auch sehr demütigende
und schmerzliche Erfahrungen waren. Für diejenigen, die tiefer zu
sehen vermochten, schien unsere geschichtlich gewordene Volks-
kirche zerschlagen. Die gewaltige politische Bewegung jener Jahre
trieb im Sturme vorwärts --- aber nur wenige ahnten, wohin der
Sturm uns treiben würde. Anfangs war es sogar so, dass unsere Kirche
sich wieder füllte. Doch bald zeigte sich, dass es eine Scheinblüte
war.




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